vom 8.11.1994
Die einzige Religion der Gegenwart mit spürbarem Zulauf ist jene, deren Gott kein Gesicht hat, sondern eine Benutzer- oberfläche, kein gnädig geneigtes Ohr, sondern ein Tastenfeld, und schon gar kein Wesen, sondern einen Rechner. "Pee- zee" heißt er. Man opfert ihm mit Soft- ware und ruft zu ihm über eine Maus. Wer an ihn glaubt, der tut das unbedingt. Jede Form von Leben, die nicht auch als Pro- gramm verfügbar ist, gilt ihm als nicht existent oder jedenfalls als höchst su- spekt, und darum fragt er als erstes im- mer: "Gibt's das als Programm?" Ein Düsseldorfer Gläubiger hat nun entdeckt daß das kirchliche Bußsakrament noch vorpeezeeischen Ritualen unterworfen ist. Also machte er von der Beichte ein Programm, das er "Online mit Jesus" nannte. Man muß sich dessen Ablauf ungefähr so vorstellen, daß der Sünder seine Fehler eingibt und der Computer ihm daraufhin eine nach Punkten gestaf- felte Buße verordnet. Zugegebenermaßen liegt diese Art der Adaption gar nicht so fern, jedenfalls dann nicht, wenn man von der Beichte nur die Oberfläche betrachtet - beinahe ist man versucht zu sagen: die Benutzer- oberfläche. Oberflächlich betrachtet prä- sentiert sich dieses Sakrament in der Tat als eine verteufelt praktische Einrich- tung. Input, output: Man gibt seine Sün- den ein und erhält, ohne Tintenstrahl- ausdruck vorderhand, die Vergebung, zu- sammen mit einer Buße, die in aller Regel nicht so hart drückt, daß einem die Lust aufs Sündigen völlig verginge. Läßt man sich (was wir, da wir nicht die Bischofs- konferenz sind, hiermit unter einem ge- samtkulturellen Vorbehalt tun) auf das Spiel mit der technischen Vergleichbar- keit der zwei Systeme ein, dann ist freilich auf einen fundamentalen Kurzschluß hinzuweisen. Er betrifft die Funktion des Priesters bei der seelenreinigenden Proze- dur. Nach der Methode "Online mit Jesus" wäre er dann ja so etwas wie - sagen wir's ruhig: wie die Festplatte. Indem wir dies hinschreiben, bleibt uns vor Schreck fast die Supershift-Taste hängen. Weil: Wenn nicht der Beichtvater die Festplatte ist, wer dann? Nach christli- chem Verständnis kommen wir da schnell und unausweichlich ins oberste aller Menüs, zu jenem Großrechner, der zwar nichts vergißt, schon weil er nicht abstür- zen kann, der aber, obwohl er's seit Adam und Eva gigabyteweise gespeichert haben muß, alles vergibt. Unter diesem Aspekt würde der knallige Titel "Online zu Jesus'' einen Sinn ergeben, weil man einem all- wissenden Beichtiger immerhin unter- stellen darf, dass ihm auch ohne Passwort offenbar wird, was das PC-Beichtkind eintippt. Aus theologischer Sicht ist das Beichtprogramm als solches dennoch so nichtsnutzig wie eine hingeplapperte Mundbeichte, weil es ohne Zerknir- schung, ohne die gute alte contritio cor- dis, nun einmal nicht abgeht. Das wollen wir, damit's nicht verlorengeht, ganz schnell auf Diskette speichern.