Herausforderung 'Electronic Publishing'

von Dr. Birgid Schlindwein und Dr. Klaus Meier
Vortrag gehalten auf der Tagung der Gesellschaft für Bibliothekswesen und Dokumentation des Landbaues 1996 in Detmold


  1. Einführung
  2. Wissenschaftliches Publizieren hat einen historischen Wendepunkt erreicht. Konnten bis vor kurzem nur wenige Verlage und Herausgeber Dokumente drucken und verbreiten, so werden alle zur Verbreitung von Dokumenten benötigten Prozesse 'demo-kartisiert'. Im Zeitalter der überall anzutreffenden Arbeitsplatzrechner mit leicht bedienbarer Textverarbeitungs- und Graphiksoftware kann jeder Texte erstellen, deren Layout auch höheren Ansprüchen genügt. Auf Servern, die in Forschungseinrichtungen oft schon vorhanden und zugänglich sind und deren Speicherkapazität immer höher und billiger wird, können diese Dokumente bereitgestellt werden. Sie sind über das Inter- und die Infranetze für jedermann zu jedem beliebigen Zeitpunkt zugänglich. Mit schnellen Druckern kann der Nutzer die gewünschten Dokumente oder auch nur einzelne Seiten davon ausdrucken.

    Die Dauer der traditionellen Publikationsprozesse und die Kosten für gedruckte Werke auf der einen Seite und die leichte Verfüg- und Bedienbarkeit der Internet-Dienste auf der anderen Seite werden das elektronische Publizieren weiter vorantreiben. Die technischen Voraussetzungen dafür sind gegeben und werden sich in Zukunft noch verbessern.

    Autoren und Leser vieler Fachdisziplinen bedienen sich bereits der neuen Informationskette. Bibliothekare und Dokumentare sind nun herausgefordert, das derzeitige chaotische Angebot dem Informationssuchenden qualifiziert zu erschließen.

    Nicht behandelt werden in diesem Beitrag das elektronische Retrieval, electronic document delivery und rechtliche Fragen.

  3. Traditionelles und elektronisches wissenschaftliches Publizieren
  4. Der traditionelle wissenschaftliche Publikationsprozeß umfaßt vier Phasen (Denning, 1995).

    Phasen traditionellen wissenschaftlichen Publizierens

    Diese Phasen sollen die Veröffentlichung neuer und fundierter Erkenntnisse mit ordnungsgemäßer Zitierung und den Zugang dazu garantieren.

    Nicht erst in neuester Zeit werden verschiedenen Kritikpunkte an diesem System laut:

    Alle diese Kritikpunkte regten natürlich zur Suche nach Alternativen an, die mit den Informationsdiensten des Internet, allen voran dem World Wide Web (WWW), gefunden sind.

    Die klassischen Phasen und die Aufgabenteilung existieren in diesem neuen elektronischen Publikationssystem nicht mehr.

    Autoren werden zu Herausgebern. Jeder Wissenschaftler kann jederzeit und ohne großen Aufwand bereits Entwürfe, die schon seit langem elektronisch mit Hilfe von Textverarbeitungssystemen geschrieben werden, weltweit zur Diskussion stellen. Artikel können von einer elektronischen Zeitschrift angeboten werden (mit zentraler Datenhaltung), mit einer elektronischen Zeitschrift verknüpft werden (mit verteilter Datenhaltung, z.B. InterJournal) oder als Einzeldokument existieren.

    Auf Begutachtung wird oft bewußt verzichtet (Golden, 1994; Rathie, 1995), um ohne kanalisierende Umwege über Herausgeber und Gutachter direkt den Arbeitsplatz der Fachkollegen zu erreichen. Die einsetzende Diskussion ermöglicht dann Überarbeitungen und Korrekturen des Dokumentes.

    Die Archivierung und Dokumentation elektronischer Dokumente ist zum gegenwärtigen Zeitpunkt noch nicht geregelt. Ihre Bedeutung wird von den meisten Autoren unterschätzt. Im 'Cyberspace' können Artikel ohne Dokumentation noch leichter unbemerkt bleiben, als in Zeitschriften.

  5. Das elektronische Dokument
    1. Technische Realisation
    2. Im einfachsten Fall ist ein Dokument im WWW in der Seitenbeschreibungssprache HTML verfaßt. Diese Sprache erlaubt auch Dialoge, die Einbindung von Bildern, Videos und Ton sowie Verweise auf Textstellen im selben und auf andere eigene und fremde Dokumente mittels Hyperlinks. Da mittlerweile fast alle Textverarbeitungsprogramme Dokumente im HTML-Format ausgeben können, ist der Aufwand zur Erstellung eines WWW-Dokuments für den Autor sehr gering.

      Über Common Gateway Interfaces (CGI) werden externe Applikationen, z.B. Datenbanken angebunden, interne Applets (JAVA) werden im Dokument selbst ausgeführt.

      Die Dokumente werden an WWW-Servern lokal gespeichert und für den weltweiten Zugriff bereitgestellt. Viele Forschungseinrichtungen unterhalten solche Server zur Darstellung der eigenen Aktivitäten.

      Der Leser kann jederzeit das Informationsangebot nutzen. Voraussetzungen sind ein Anschluß ans Internet und ein WWW-Browser. Da ein Dokument auch Elemente in anderem Format enthalten kann, werden eigene (kostenlose) Helper-Applikationen zur Darstellung (z.B. Acrobat Reader) benötigen.

      Die vom Autor und Leser verwendeten Betriebssysteme spielen dabei keine Rolle. Es können auch Dokumente von der eigenen Festplatte, von Diskette oder CD-ROM genutzt werden.

    3. Eigenschaften elektronischer Dokumente
    4. Elektronische Dokumente sind (im Idealfall) 24 Stunden am Tag verfügbar und schnell abrufbar. Vor allem bei Verlagen ist das jedoch nicht (mehr) kostenlos möglich.

      Inhalte eines elektronischen Dokuments können jederzeit vom Autor korrigiert, verändert, erweitert oder gelöscht werden. In diesem Zusammenhang spricht man oft von 'lebenden' oder 'dynamischen' Dokumenten. Durch Beibehaltung alter Versionen und aller Anmerkungen, durch Verzweigungen und Links kann der Entstehungsprozeß dokumentiert werden. Die unterschiedlichen Aspekte des Themas bleiben erhalten und können von Leser auf Wunsch nachvollzogen werden.

      WWW-Dokumente sind multimedial, sie können außer aus Text auch aus Bildern, Video- und Tonsequenzen bis hin zu Real Audio bestehen. Durch Verzweigungen (Hyperlinks) sind sie nicht linear. Eine fortlaufende Nummerierung der Seiten ist nicht möglich.

      Da die Dokumente nicht linear sein müssen und bewegliche Elemente und Töne enthalten können, können sie nicht immer gedruckt werden.

      Es ist möglich, Kopien auf der eigenen Festplatte abzulegen. Diese Kopien sind editierbar.

      Die Daten für ein Dokument können verteilt vorliegen. Als Quellen können alle Speichermedien, auf die der darstellende Browser Zugriff hat, genutzt werden. In kommerziellen Anwendung können Daten, die längere Zeit gültig bleiben, von einer (käuflichen) CD-ROM benutzt werden, veränderliche Daten werden 'online' abgerufen.

      Dokumente können als Ergebnisse einer Datenbankabfrage variabel zusammengesetzt sein oder über mitübertragene Applets die Daten des Nutzers verarbeiten. Sie sind also nicht stabil.

      Die äußere Form der Dokumente ist von den benutzten Browsern oder Helper Applikationen abhängig. Der Leser kann das Aussehen am Bildschirm und im Ausdruck mitbestimmen, er kann Farben, Schriftarten und -größen und das Format ändern oder Bilder aus- und einblenden.

    5. Beispiele
    6. sind Beispiele elektronischen Publizierens.

    7. Relevanz für Bibliothekare und Dokumentare
    8. Kurz gesagt: Bibliothekare und Dokumentare haben als Informationsvermittler die Aufgabe, das elektronische Informationsangebot zu erschließen!

  6. Herausforderungen für Bibliothekare und Dokumentare
  7. Bibliothekare und Dokumentare werden durch das neue Informationsangebot vor neue Herausforderungen gestellt. Zum Teil müssen alte Aufgaben neu gelöst werden, es kommen jedoch auch neue hinzu. Generell gilt, daß alle Lösungen nur in internationaler und interdisziplinärer Arbeit gefunden und durchgesetzt werden können.

    Wichtige Punkte sind in der Tabelle zusammengestellt und werden im Text erläutert.
    Herausforderungen für Bibliothekare und Dokumentare
    Aktualität immanent
    Beschaffung realisierbar
    Archivierung realisierbar
    Bereitstellung existiert
    Sicherheit unmöglich
    Konsistenz/Versionen realisierbar
    Sicherung der Originalität realisierbar
    Qualitätssicherung nicht relevant
    Indexierung immanent
    Recherchierbarkeit immanent
    Verfügbarkeit
  8. Netze
  9. Hardware
  10. Software
  11. existiert

    Vor allem in den Naturwissenschaften wird aktuelle Information über den Forschungsstand benötigt. Das elektronische Dokument ist mit dem Ablegen auf einem WWW-Server augenblicklich weltweit verfügbar. Die Aktualität ist dadurch gegeben.

    Eine 'Beschaffung' für den Leser durch die Bibliothek ist nicht mehr nötig, da er nun selbst über den Zugriff entscheidet.

    Es muß jedoch sichergestellt werden, daß die Dokumente auch in Zukunft verfügbar bleiben. Sie müssen also archiviert und dokumentiert werden. Die Archivierung muß jedoch nicht vielfach erfolgen wie bei Printmedien, einige Anbieter weltweit reichen dazu aus (Bioline Publications, 1994). Die 'Beschaffung' zur Dokumentation muß angesichts der Unüberschaubarkeit des Internet als Bringsystem geregelt werden. Auch für andere Informationen wird dies angestrebt (z.B. DAINet), da die Verbreitung der eigenen Angebots über elektronische Informationssysteme im Interesse des Autors liegt.

    Das Arbeiten mit weltweiten Computernetzen birgt (wahrscheinlich unvermeidbar) Sicherheitsrisiken in sich. Hierbei spielt im allgemeinen Gebrauch wohl weniger das unerwünschte Eindringen von außen eine Rolle als das Einschleppen von Viren mit den übertragenen Daten z.B. durch Applets und in Dateien enthaltene Makroviren.

    Da die Information nicht mehr statisch vorliegt, sondern sich inhaltlich und formal ändern kann, müssen Verfahren gefunden werden, Dokumente und Versionen eindeutig identifiziert zu archivieren. Es sind bereits Fälle aufgetaucht, bei denen URLs mit bestimmten Aussagen zitiert wurden, die später geändert war. Dabei ist die Aktualisierung elektronischer Dokumente durchaus gewollt. Anhand des Datums und der Uhrzeit ist der Zeitpunkt der letzten Änderung abrufbar. Das Zitat muß also Datum und Uhrzeit enthalten, alte Versionen müssen archiviert werden.

    Elektronische Dokumente sind kopierbar, dadurch wird es noch einfacher als bisher Kopien, Plagiate und Verfälschungen anzubieten. Auch aus diesem Grund sollte das Zitat Datum und Uhrzeit enthalten. Es gibt Suchsysteme, die ähnliche Dokumente herausfiltern können. Diese können dann leicht einzeln untersucht und die Plagiate herausgefiltert werden.

    Durch die Abwandlung (z.B. InterJournal) und das teilweise (Waser, 1996) oder gänzliche (z.B. Paper Fair) Wegbrechen des traditionellen Begutachtungssystems existieren Dokumente unterschiedlicher Bearbeitungsstufe und Qualität gleichberechtigt im Internet. Eine entsprechende Kennzeichnung zum Dokumentstatus kann vom Autor vergeben werden, seine Diskussionspartner geben über ihre Beiträge einen Hinweis auf die Qualität und allgemeine Relevanz der Arbeit. Die spezielle Relevanz für den Endnutzer kann nur dieser selbst entscheiden. Bibliothekare und Dokumentare sind hier 'nur' Verwalter. Viele elektronische Zeitschriften werden die Begutachtung aus dem alten System übernehmen, um den Autoren das Qualitätsmerkmal 'refereed' bieten zu können (Peskin, 1994).

    Durch intelligente Indexier- und Recherchesoftware muß das Verarbeiten der Informationsflut (auch auf Papier) erleichtert werden. Diese Verfahren können auf den Volltext zurückgreifen und so die Arbeitsgebiete und Interessensspektren von Autoren (für das Indexieren) und Lesern (für die Recherche) erkennen.

    Elektronisches Publizieren setzt eine hohe Technisierung des Produzenten und des Benutzers voraus. Technische Kenntnisse und Ausrüstung müssen erworben und aktualisiert werden. Dazu können Bibliothekare und Dokumentare Hilfestellung geben.

  12. Konsequenzen
  13. Dem Berufsstand eröffnen sich zwei Optionen:

    Die Chance, den zweiten Weg erfolgreich zu beschreiten, bietet sich, da der Entwicklungsprozeß noch nicht uneinholbar enteilt ist. Das Problembewußtsein steigt (Price-Wilkin, 1994) und diesbezügliche Projekte werden sicher bald in Angriff genommen (Weibel et al., 1994). Es haben sich bisher noch keine 'ungünstigen' Standardsetabliert, obwohl sich aus den bisherigen Publikationen im Netz Unterschiede zwischen den Fachrichtunge ableiten lassen. Allerdings werden Autoren und Leser durch die Informationsüberflutungimmer stärker auf die erschließende und strukturierende Arbeit der Informationsspezialisten angewiesen sein.

    Die Agrarwissenschaften stellen in diesem Zusammenhang einen besonders sensiblen Bereich dar, da sehr viele Fachgebiete enthalten sind und hier Insellösungen einzelner Fachdisziplinen schwerwiegende Auswirkungen hätten.

  14. Ausblick
  15. Nach einer Phase der Reorganisation mit Chaos und Wildwuchs werden sich neue, bisher noch nicht erkennbare Strukturen bilden. Ballast und Ängste müssen über Bord geworfen werden, um Strukturen zu suchen und Lösungen zu erarbeiten.

    Es besteht Handlungsbedarf!

    Eine interdsiziplinär und international besetzte Arbeitsgruppe muß das neue Publikationssystem in für alle Beteiligten akzeptable Bahnen lenken. Die Aufgaben einer solchen Arbeitsgruppe wären:

  16. Literaturverzeichnis
  17. Alle URLs in diesem Beitrag wurden mit dem Inhalt der 15. Kalenderwoche 1996 zitiert.

    Bioline Publications (1994): Electronic publishing discussion.
    URL: http://muse.bio.cornell.edu/archive/gophtax.1994/0235.html

    Brüggemann-Klein, A. (1995): Wissenschaftliches Publizieren im Umbruch.
    Informatik Forsch. Entw. v. 10, S. 171-179

    Denning, P.J.(1995): The ACM electronic publishing plan.
    URL: http://www.acm.org/pubs/epub_plan.html

    Golden, M. (1994): Some thoughts on the future of scholarly publishing.
    URL: http://tyndale.apana.org.au/propagate/articles/Essay.html

    InterJournal, (1995): A discussion of InterJournal.
    URL: http://dynamics.bu.edu/InterJournal/interj_help.html

    Odlyzko, A.M. (1994): Tragic loss or good riddance? The impending demise of traditional scholarly journals.
    URL: http://www.umassd.edu/WWWCIS/tragicloss.html, moved to http://www.research.att.com/~amo/doc/tragic.loss.txt

    Peskin, M.E. (1994): Reorganization of the APS journals for the era of electronic communication.
    URL: http://publish.aps.org/EPRINT/peskin.html

    Price-Wilkin, J. (1994): Using the World-Wide-Web to deliver complex electronic documents: implications for libraries.
    The Public-Access Computer Systems Review v. 5(3), S. 5-21

    Rathie, S.E. (1995): Electronic journals and peer review: perils and promises
    URL: http://www.cs.ubc.ca/spider/rathie/elecpub/paper3.html

    Robinson, E.C. (1996): Architecture, graphics, and the net: a short history of Architronic, a peer-reviewed e-journal.
    The Public-Access Computer Systems Review v. 7(3)

    Waser, K. (1996): The Arid Lands Newsletter.
    URL: http://ag.arizona.edu/OALS/ALN/ALNHome.html

    Weibel, S.; Miller, E.; Godby J.; LeVan R. (1994): An architecture for scholarly publishing on the World Wide Web.
    URL: http://www.ncsa.uiuc.edu/SDG/IT94/Proceedings/Pub/weibel/weibel_www_paper.html

  18. Anschrift der Autoren
  19. Dr. Birgid Schlindwein
    TU München - Weihenstephan
    Informations- und Dokumentationszentrum Weihenstephan
    85350 Freising

    Dr. Nikolaus Meier
    TU München - Weihenstephan
    Datenverarbeitungsstelle
    85350 Freising

    1. elektronischer Artikel mit Folien: URL: http://www.edv.agrar.tu-muenchen.de/idw/gbdl96.elecpub.html