Geschichte Weihenstephans

Die landwirtschaftliche Lehranstalt in Weihenstephan gehört zu den frühesten Ausbildungsstätten ihrer Art in Deutschland. Angefangen hat alles mit einem kurfürstlichen Befehl vom 14.Oktober 1803. Der Unterricht in der neugegrüdeten Musterlandwirtschaftsschule in Weihenstephan solle im Januar 1804 beginnen. Der Zeitpunkt dafür war denkbar ungünstig. Im Jahre 1803 gingen im Zuge der Säkularisation das Kloster und das weitläufige Areal der Benediktinermönche auf dem Weihenstephaner Berg in bayerischen Staatsbesitz über. Im Jahr zuvor hatte Albrecht Thaer, einer der berühmtesten deutschen Landwirte des 19. Jahrhunderts, in Celle mit landwirtschaftlichem Unterricht begonnen. Das war auch das Jahr, als der studierte Kameralist Max Schönleutner ein Gesuch an den bayerischen Kurfürsten richtete, ihm durch ein Stipendium ein Praktikum der Landwirtschaft zu ermöglichen. Dadurch wurde Schönleutner ein Schüler Thears. Ein weiterer glücklicher Umstand war aber auch das persönliche Interesse des Kurfürsten, ab 1806 Königs, Max Joseph an der Gründung einer solchen Lehranstalt.

Max Schönleutner wurde der erste Lehrer dieser "Musterlandwirtschaft", deren Ziel es war, auf landwirtschafts- und brauwissenschaftlichem Gebiet theoretische Wissensvermittlung mit der Anschauung und Praxis Hand in Hand gehen zu lassen. Das Interesse an der Landwirtschaft stieg damals zwar überall an, aber es fehlten trotzdem die Studenten, da das allgemeine Bildungsniveau noch sehr niedrig war. Die napoleonischen Kriege, bei denen die Bauernsöhne Militärdienst leisten mußten, waren schließlich der Anlaß, die Weihenstephaner Schule 1807 schon wieder zu schließen.

Schönleutner war nun Administrator des Staatsgutes und der Brauerei in Weihenstephan. Seine Leistung war schon in den ersten Jahren ansehnlich. Er hatte Fruchtwechsel auf den Feldern eingeführt, ein Feld zur Samenzüchtung angelegt, an der Straße Obstbäume gepflanzt und der Landtechnik Impulse gegeben, indem er Modelle neuartiger Ackergeräte aus Celle mitbrachte. Erfolge auf dem Gebiet der Schafzucht durch Einkreuzen von spanischen Schafen stellte er auf der Landwirtschaftsausstellung beim Münchner Oktoberfest vor. Lob und Anerkennung blieben nicht aus. Ab 1820 war auf seine Initiative im Schönleutner- oder Schafhof die Schäferei untergebracht, die dort bis 1959 ihren Platz behielt. Danach wurde das historische Gebäude nicht mehr richtig genutzt und verfiel, bis es in den neunziger Jahren wieder aufgebaut wurde. ab1994 beherbergt es das intellektuell anspruchsvolle Zweigmuseum des Bayerischen Nationalmuseums zur Geschichte der Landwirtschaft in Bayern seit 1880.

Fünfzehn Jahre nach der ersten Schließung der Weihenstephaner Schule im Jahre 1807 schien die Zeit wieder reif für die Einrichtung einer landwirtschaftlichen Lehranstalt. Auch im Landtag zeigte man sich aufgeschlossen, aber die Abgeordneten wollten keine übertriebene universitäre Theorie. Eine Abstimmung 1819 erbrachte das einstimmige Ergebnis, daß die Musterwirtschaften auch auf die Bildung gemeiner Landwirte, Dienstboten und Schäfer eingerichtet werden" sollten. 1822 wurde die Schule zum zweiten Mal eröffnet, diesmal jedoch in Schleißheim bei München. 30 Jahre blieb sie dort, bis der Unterricht im Jahre 1852 wieder nach Weihenstephan verlegt wurde. Ausschlaggebend hierfür scheint die bessere Bodenqualität um den ehemaligen Klosterberg gewesen zu sein.

Weihenstephans Stärke, nämlich die Praxisnähe der Ausbildung, wurde aber in dem Augenblick zum Negativposten, als 1868 die Technische Hochschule München gegründet worden war und nun die wissenschaftlich-theoretische Ausbildung an sich ziehen wollte. Weihenstephan sollte lediglich die Rolle einer landwirtschaftlichen Mittel- oder Fachschule zukommen. Kein geringerer als Justus von Liebig stand für eine solche Neuordnung. Daran entzündete sich ein langwieriger Streit zwischen den beiden Schulen, der erst nach dem zweiten Weltkrieg zu einer beiderseits befriedigenden Lösung führte. Bis dahin hielten Prestige und Standesinteressen ein jahrzehntelanges Tauziehen zwischen der kleinen Domstadt Freising und der Großstadt München am Leben. Jeder wollte seine eigene landwirtschaftliche Hochschule haben, und das in 30 km Entfernung voneinander - ein unverantwortlicher Luxus wie Zeitgenossen meinten.

Im Mai 1928 bahnte sich erstmals eine gemeinsame Lösung an. Die bayerische Staatsregierung setzte folgende Organisationsform in Kraft: "Hochschule für Landwirtschaft und Brauerei in Weihenstephan im Verbande der Technischen Hochschule München". In Weihenstephan war man flexibel, denn es ging hier nicht um Namen und Form, sondern um die Existenz dieser Einrichtung auf dem ehemaligen Klosterberg: Deshalb suchte man weiter nach einen Kompromiß, der beiden Institutionen das Überleben garantieren sollte. Die Folge war, daß das Studium 1930 aufgeteilt wurde. Auf der einen Seite das Studium der Grundwissenschaften mit Diplomvorprüfung in München, auf der anderen die fachwissenschaftliche Ausbildung mit Diplomhauptprüfung in Weihenstephan.
Damit löste die Bayerische Staatsregierung die Hochschule in Weihenstephan als selbständige Hochschuleinrichtung auf. Die Institute wurden in die Technische Hochschule München übergeführt, aber behielten ihren Sitz in Weihenstephan. Der 3. Juli 1930 war zugleich die Geburtsstunde für die "Landwirtschaftliche Fakultät.

Nach einer Phase erheblicher Einschränkungen in der Zeit des Dritten Reiches konnte der Lehrbetrieb in den unversehrten Instituten von Weihenstephan bald nach 1945 wieder aufgenommen werden, während die Gebäude der Technischen Universität in München schwer unter Bombenschäden hatten leiden müssen. Weihenstephan kann bald auf 200 Jahre Geschichte zurückblicken. In der ganzen Welt haben seither Landwirte gewirkt, die ihre geistige Heimat in Weihenstephan hatten. Heute ist Weihenstephan eine moderne Campus-Universität mit einem Ambiente, nach dem sich großstädtische Universitäten vergeblich sehnen. So hat das Wort des ehemaligen Rektors Kulisch aus dem Jahre 1927 noch heute Gültigkeit:

"Wenn heute nicht Weihenstephan wäre, könnte etwas Ähnliches an keiner anderen Stelle geschaffen werden".

Nach Prof. Dr. Erich Stahleder, Weihenstephan

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